E-ID im Banking: Wenn der Aktivierungsbrief verschwindet
Zürich, 18.06.2026
Wer schon einmal den Zugang zum Online-Banking verloren hat, kennt das Problem: neues Handy, vergessenes Passwort, Aktivierungscode per Post. Für ein paar Tage ist das Konto digital ausser Reichweite. Genau an solchen Stellen kann die Schweizer E-ID im Banking den Unterschied machen – nicht als abstraktes Digitalisierungsprojekt, sondern als Werkzeug für einfachere, schnellere und sicherere Prozesse.
Am E-ID- & SSI-Event 2026 zeigte Stefan Knaus, Senior Consultant beim Business Engineering Institute St. Gallen und Co-Leiter von OpenBankingProject.ch, wie mehr als 40 Finanzinstitute konkrete Anwendungen für die Schweizer E-ID entwickeln und testen. Im Zentrum stehen vier Alltagssituationen, die Banken, Kundinnen und Kunden heute gut kennen:
- Konto eröffnen
- Zugang zum Online-Banking wiederherstellen
- Sich in der Filiale ausweisen
- Zahlungen sicher auslösen
Der rote Faden: Die E-ID soll nicht einfach ein digitales Ausweisdokument sein. Sie soll dort helfen, wo Bankprozesse heute Medienbrüche, Wartezeiten oder manuelle Prüfungen verursachen.
Vom Pilotprojekt zum Alltag
Die Grundlage bildet der mehrstufige «Proof of Value Nutzung Schweizer E-ID». In der ersten Phase von Oktober 2024 bis März 2025 klärten Banken ihre möglichen Rollen im SSI-Ökosystem – als Verifier, als Issuer eigener Verifiable Credentials, als mögliche Wallet-Anbieterin oder als Nutzerin einer neuen digitalen Vertrauensinfrastruktur.
Dabei sammelten und priorisierten die beteiligten Institute rund 50 mögliche Use Cases. Eine Umfrage Ende 2025 zeigte: Nur wenige Banken wollen die E-ID gar nicht nutzen, die meisten planen eine punktuelle oder vielfältige Nutzung, einige denken bereits darüber nach, selbst digitale Nachweise auszustellen.
In Phase 2 wurden vier priorisierte Use Cases als Proof of Concept umgesetzt, Phase 3 begleitet 2026 den Weg Richtung Produktion. Entscheidend ist nun nicht mehr die Frage, ob die Technologie funktioniert, sondern ob Anwendungen entstehen, die im Alltag echten Nutzen stiften.
Vier Situationen, in denen die E-ID wirkt
1. Konto eröffnen: weniger Formulare, weniger Ausweis-Scans
Heute beginnt eine digitale Kontoeröffnung oft mit Formularen, Ausweiskopien und manuellen Prüfungen. Mit der E-ID wird dieser Einstieg deutlich schlanker.
Die Kundin oder der Kunde wählt im Onboarding die Option «Schweizer E-ID». Danach öffnet sich die Wallet mit der Übersicht, welche Daten die Bank benötigt – zum Beispiel Personendaten, Wohnsitz und Lichtbild. Diese Angaben werden aktiv freigegeben, ein Liveness-Check prüft zusätzlich, ob die Person vor der Kamera mit dem Bild in der E-ID übereinstimmt.
Der Nutzen:
- weniger manuelle Eingaben
- weniger Medienbrüche
- verifizierte Daten statt Ausweis-Scan
- schnelleres Onboarding
- höheres Sicherheitsniveau
So wird die Kontoeröffnung nicht nur digitaler, sondern klarer geführt und einfacher verständlich.
3. Filialbesuch: Ausweisen ohne Abtippen
Auch in der Filiale kann die E-ID Prozesse vereinfachen. Bei der Luzerner Kantonalbank wurde ein «Walk-in»-Szenario umgesetzt.
Eine Kundin betritt die Filiale und möchte sich mit der E-ID ausweisen. Die Beraterin startet den Identifikationsprozess, auf einem Bildschirm erscheint ein QR-Code. Die Kundin scannt ihn mit der Wallet, prüft die angefragten Daten und gibt sie frei, die Bank gleicht die Daten mit ihren Systemen ab und die Beraterin ergänzt eine visuelle Prüfung.
Der Nutzen:
- weniger manuelles Abtippen
- weniger Fehlerquellen
- schnellerer Filialprozess
- bessere Datenqualität
- vertrauter Ablauf für Kundinnen, Kunden und Mitarbeitende
Die E-ID ersetzt hier nicht die persönliche Beratung, sie nimmt ihr nur administrativen Ballast.
2. Online-Banking wiederherstellen: Zugang in Minuten statt per Brief
Besonders greifbar wird der Nutzen bei der Re-Identifikation. Rund 10 Prozent der Online-Banking-Verträge benötigen pro Jahr einen Passwort-Reset, in etwa 35 Prozent der Fälle kommt ein Gerätewechsel dazu – heute oft mit Aktivierungsbrief und mehreren Tagen Wartezeit.
Mit der E-ID lässt sich dieser Moment neu denken. Die Kundin oder der Kunde wählt beim Wiederzugang die Option «Schweizer E-ID». Über die Wallet werden Lichtbild, Name, Vorname und Geburtsdatum geteilt, die Postadresse wird bestätigt, ein Liveness-Check prüft die Person. Danach kann der Zugang zum Online-Banking innerhalb weniger Minuten wiederhergestellt werden.
Der Nutzen:
- kein Aktivierungsbrief
- kein mehrtägiger Unterbruch
- weniger Supportaufwand
- bessere Customer Experience
- starker Sicherheitsmix aus Wissen, Besitz und Biometrie
Hier wird die E-ID besonders anschaulich: Sie löst ein konkretes Problem, das viele Kundinnen und Kunden kennen.
4. A2A-Zahlungen: Vertrauen für neue Zahlungswege
Der vierte Use Case geht über die klassische E-ID hinaus. Es geht um Account-to-Account-Zahlungen auf Basis verfizierbarer Credentials.
Händler und Bank sind Teil derselben Vertrauensinfrastruktur, Zahlungsaufforderungen und Bestätigungen werden als verifizierbare Nachweise ausgetauscht, im Hintergrund läuft eine reguläre SIC-Zahlung. Die beteiligten Unternehmen sind registriert und eindeutig identifizierbar, was Betrug deutlich erschwert.
Der Nutzen:
- eindeutig identifizierbare Beteiligte
- weniger Betrugsrisiko
- sichere Zahlungsauffoderungen
- verifizierbare Bestätigungen
- Grundlage für neue Payment-Prozesse
So zeigt der Use Case, dass die E-ID nicht nur Identifikation ermöglicht, sondern neue digitale Vertrauensketten im Zahlungsverkehr unterstützt.
Die eigentliche Frage: Warum sollten Kundinnen und Kunden das nutzen?
Technisch sind die Proofs of Concept ein wichtiger Schritt. Entscheidend für den Erfolg der E-ID ist aber, ob Kundinnen und Kunden einen klaren Vorteil spüren.
Sie nutzen die E-ID nicht, weil sie Teil eines SSI-Ökosystems ist. Sie nutzen sie, wenn sie damit schneller ein Konto eröffnen, sofort wieder ins Online-Banking kommen oder sich in der Filiale einfacher ausweisen können.
Für Banken bedeutet das: Die E-ID sollte nicht als Zusatzfunktion irgendwo im Prozess versteckt werden. Sie gehört an die Stellen, an denen heute Reibung entsteht – also genau dort, wor Kundinnen und Kunden sich fragen:
- Warum muss ich diese Daten nochmals eingeben?
- Warum muss ich auf einen Brief warten?
- Warum muss mein Ausweis manuell abgeschrieben werden?
- Warum ist dieser Zahlungsvorgang nicht sicherer und einfacher?
Wenn die E-ID diese Fragen überzeugend beantwortet, wird sie im Banking relevant.
Fazit: Erfolg durch gute Use Cases
Der Beitrag von Stefan Knaus zeigt: Die Schweizer E-ID ist im Banking kein theoretisches Zukunftsthema mehr. Mehr als 40 Institute arbeiten an konkreten Anwendungen, erste Proof of Concepts verdeutlichen, wie die E-ID Bankprozesse vereinfachen kann.
Die spannendsten Anwendungsfälle sind die alltäglichen:
- Konto eröffnen, ohne Ausweisdaten abzutippen
- Online-Banking-Zugang wiederherstellen, ohne Aktivierungsbrief
- In der Filiale identifizieren, ohne Medienbruch
- Zahlungen absichern, ohne zusätzliche Komplexität
Wenn Banken diese Use Cases konsequent umsetzen, kann die E-ID mehr werden als ein digitales Ausweisdokument – sie wird zum Baustein für einfacheres, sichereres und besseres Banking.
Mehr Einblicke zum E-ID- & SSI-Event 2026
Der Beitrag von Stefan Knaus war Teil eines ganztägigen Programms mit Expert:innen aus Verwaltung, Finanzbranche, Gesundheitswesen und Technologie. In der ausführlichen Nachlese erfahren Sie, wie E-ID. SSI und Wallets zusammenwirken und welche Chancen sich daraus für Unternehmen in der Schweiz und in der EU ergeben.