Informatik statt Drogen

Zürich, 26.05.2015 – Annette Kielholz

Beitrag für Inside-IT am 26. Mai 2015

 

Was machen andere Länder in der Informatik-Nachwuchsförderung? Annette Kielholz, Projektleiterin von IT-dreamjobs, konnte am Google RISE Summit in Boston ein paar Eindrücke sammeln.

 

Bei meinem ersten Besuch auf der Google-Website Ende 1998 fand ich diese neue Suchmaschine zu karg und sowieso viel weniger gut als Altavista. Ich hatte damals gerade meine Lizentiatsarbeit abgeschlossen, in der ich bei 15 Deutschschweizer Gymiklassen die Geschlechterunterschiede bei der Internetnutzung untersucht hatte. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, nicht aber die Geschlechterverhältnisse in der Informatik.

Computer Science statt IT

Google hat sich darum zum Ziel gesetzt, nicht nur mehr Mädchen, sondern allgemein mehr Kinder für ein Informatikstudium zu begeistern. Weltweit widmen sich 25 Teams an verschiedenen Standorten - darunter auch in Zürich - diesem Thema. Einmal im Jahr zeichnet Google mit den RISE Awards weltweit wegweisende Projekte für die Nachwuchsförderung aus. Das Verkehrshaus der Schweiz wurde Anfang dieses Jahres gemeinsam mit IT-dreamjobs als eines von 37 Siegerprojekten ausgewählt - nach dem Ausbildungszentrum ABZ der ETH Zürich im Jahr 2013 das zweite Schweizer Projekt. Rund 70 Personen aus 18 Ländern (zwei pro Preisträger) hat Google an den Standort in Boston gleich neben dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) eingeladen.

 

Der "Meet and Greet"-Event im MIT Media Lab startete verheissungsvoll: Ich sass zwischen Anderson aus Brasilien, dessen Motivation es ist, Kinder für Informatik statt für eine Karriere als Drogendealer zu begeistern, und Marissa aus East Palo Alto, die aus Kindern von unterprivilegierten Verhältnissen - die 95 Prozent der dortigen Bevölkerung ausmachen - die zukünftigen Computer-Science-Studenten rekrutieren will.

 

Apropos "Computer Science" (oder kurz CS): Das habe ich auch am ersten Abend gelernt, dass ich bei Englischsprachigen nicht "IT" sagen darf, weil das eine eher weniger attraktive Teilmenge von Computer Science ist (Datenverarbeitung). Auch andere englischsprachige Abkürzungen waren die nächsten Tage häufig im Gebrauch: K-12 steht für die Schulstufen vom Kindergarten bis zur 12. Klasse und unsere MINT-Fächer heissen STEM (Science, Technology, Engineering, Mathematics).

 

Gemeinsam ist den meisten hier vertretenen Ländern, dass in ihnen - mit Ausnahme von Indien und China - ein markanter Rückgang der MINT-Studienabgänger prognostiziert wird. Diese Prognosen stimmen nachdenklich - aber hoffentlich ändern sie sich mit den weltweiten Anstrengungen für die CS-Nachwuchsförderung.

 

Google gehört wie Microsoft und weitere Unternehmen zu den Sponsoren der NPO Code.org, die 2013 von Hadi Partovi in den USA gegründet wurde mit dem Ziel, Informatik zum festen Bestandteil des Schullehrplans zu machen. In vielen Gesprächen wird klar, dass Code.org international eine wichtige Referenz ist. Unzählige Kursunterlagen und Online-Programmierlektionen werden unentgeltlich zur Verfügung gestellt, was gerade für Länder oder Organisationen mit knappen Ressourcen elementar ist. So werden Code.org-Module zum Beispiel bei bildungsfernen Kindern in Palo Alto als "Einstufungstest" verwendet. Marissa, die dieses Programm leitet, schwört, dass man damit auch bei einem Kind mit schlechter Schulbildung eine Begabung für Computer Science feststellen könne.

 

Der Summit dauerte zweieinhalb Tage und das Programm war dicht gedrängt. Die Teilnehmer waren überwiegend sehr gut qualifiziert, es waren auch einige Informatikprofessoren aus verschiedensten Ländern dabei. Nur schade, dass die Zeit für persönliche Gespräche eher knapp war.

 

Hier also, was ich mitgenommen habe:

 

1. Voraussetzungen für Erfolg

International gesehen sind jene Initiativen für IT-Nachwuchsförderung erfolgreich, die es schaffen, alle wichtigen Akteure für die Nachwuchsförderung inklusive staatlicher Stellen (Bildungsämter) und Medien an einen Tisch zu bringen und sie für ein gemeinsames Anliegen zu gewinnen. Sagt Chris Stephenson, eine Pionierin für CS Education und Gründerin der amerikanischen Organisation von Informatikausbildenden (CSTA).

 

2. Überlastung

Lehrkräfte sind auch in anderen Ländern überlastet und werden überflutet mit Angeboten und Lerninhalten, die sie ihren Schülern auch noch beibringen sollen.

 

3. Harter Alltag

Als Frau CS studieren zu wollen, kann wirklich besonders hart sein und sogar in einen Berufseinstieg als Kaffeeträgerin münden. Sagt Agnes, die es dann aber doch geschafft hat und inzwischen bei Google gelandet ist. Sie musste ein Jahr Uni wiederholen, weil ihr Professor fand, dass die Welt nicht auf sie gewartet habe und sie darum eine besonders gründliche Ausbildung brauche. Dass niemand in ihrem Umfeld an sie und ihren Berufswunsch glaubte, rührte sie während des Erzählens zu Tränen.

 

4. Ermutigung der Eltern I

Die wichtigsten Einflussfaktoren für die Wahl eines Informatikstudiums bei Mädchen in den USA: falsche Wahrnehmung über CS korrigieren (Exposure) und Unterstützung durch die Eltern (Encouragement). Familiärer/sozioökonomischer Hintergrund, Beruf der Eltern und Vorkenntnisse der Person haben weniger Einfluss auf die CS-Studienwahl.

 

5. Ermutigung der Eltern II

Shamim, Informatikprofessor in Georgia: in Pakistan geboren, lebte er schon in Indien, Singapur, Indonesien und in den USA. Er vermutet, dass die hohe Frauenquote in den asiatischen Ländern (oft bei fast 50 Prozent) daher stamme, dass in jenen Ländern die Eltern einen viel wichtigeren Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder hätten als im Westen. Und die Eltern wüssten eben, dass man mit einem Ingenieursberuf weiter komme als mit einem Journalistikstudium. (Also, liebe Eltern: macht euren Einfluss geltend! ;-))

 

6. Schlechtes Image

In Spanien bringt die Wirtschaftskrise nicht mehr Jugendliche dazu, Informatik zu studieren, auch wenn sie damit sowohl in Spanien als auch im Ausland problemlos eine Stelle kriegen, weiss Gregorio, Informatikprofessor in Madrid. Sein Kollege Jesus, Informatik-Doktorand, vermutet, das liege am schlechten Image der Informatik in seinem Land - die Jungen würden lieber Medizin oder Jura studieren als Informatik, auch wenn sie in der IT gleich viel verdienen.

 

7. Frauenanteil

Er ist überall tief - das gleiche Bild von Ost bis West, mit Ausnahme von Asien. Es gibt sogar Länder mit noch tieferem Frauenanteil im Informatikstudium als die Schweiz (z.B. Ungarn).

 

8. Luxus

Andere Initiativen haben andere Probleme als wir: sie haben zu wenig Hardware oder brauchen Lernmaterialien, die offline verwendet werden können, weil sie am Kursort keinen Internetzugang haben. Oder, siehe weiter oben, die Karriere als Drogendealer ist kurzfristig erfolgversprechender als der beschwerliche Weg des Informatikstudiums. In der Schweiz sind wir, gemessen an den Mitteln und Initiativen, wirklich luxuriös aufgestellt. Bei uns ist die Herausforderung wohl eher Punkt 1: die Bündelung der Kräfte.

 

9. Lehrmittel

Es gibt unzählige, sehr gute und sehr professionelle Online-Ressourcen für den Einstieg ins Programmieren. Zum Beispiel wie erwähnt Code.org, den App Inventor des MIT, dann (von Google oder unter Mitwirkung von Google-Mitarbeitenden) Computer Science first, Coder for Raspberry Pi und Pencil Code oder eines der Siegerprojekte vom RISE Summit, das am Summit auf viel Resonanz stiess: Dr. Scratch zum Online-Überprüfen von selbst verfassten Scratch-Seiten.

 

Eigentlich bräuchte man auch hier das Rad in der Schweiz nicht noch einmal neu zu erfinden. Gäbe es da nicht diese Hürde: die Herkunft der Materialien. In der Schweiz und in Deutschland ist man einfach sehr empfindlich auf die Invasion von Firmen in Schulen - und wohl auch auf einen zu stark amerikanischen Stil. So viel Verständnis ich dafür habe: Wenn Google (wie man weiss) sehr hoch qualifizierte Leute beschäftigt und viel Geld in diesen Bereich investiert - dann sollte man doch davon ausgehen können, dass auch die von ihnen erarbeiteten Lehrmittel eine hohe Qualität haben. Vielleicht könnte man doch im Sinn der Sache das eine oder andere davon verwenden? Dadurch würden dann wieder Mittel frei, um die zweite grosse Hürde zu überwinden:

 

10. Die Sprache

Es ist erwiesenermassen sinnvoll, Kinder früh mit Informatik zu konfrontieren. Ausreichende Englischkenntnisse fehlen aber bei uns auf der Primarschulstufe, so dass uns der Zugang zu vielen tollen Unterrichtsmaterialen erschwert ist. Übersetzung wäre gefragt! Bei klugem Ressourceneinsatz könnte man es sich zudem leisten, den Lernmaterialien oder auch der Öffentlichkeitsarbeit zur IT-Nachwuchsförderung ein lokales Branding zu geben, zum Beispiel mit einem Film wie diesem.

 

Für die bessere Akzeptanz der IT-Nachwuchsförderung von amerikanischen Firmen in unserem Land wäre wahrscheinlich auch wieder Punkt 1 angesagt. Dabei muss der eigene Brand halt etwas in den Hintergrund rücken, aber letztlich kommt es ja wieder den Firmen zugute, wenn sie sich mit einer guten Sache einbringen können.

 

Alles in allem habe ich schon auch den Eindruck erhalten, dass die IT-Nachwuchsförderung zu einem ganzen Geschäftszweig geworden ist. Es ist zwar viel ehrenamtliche Arbeit im Spiel - aber die Professionalität, mit der sie gerade in Amerika betrieben wird, geht weit über das hinaus, was ein paar Scratchkurse für Schüler bei einem Schweizer KMU bedeuten. Nehmen wir das Gute davon mit und profitieren wir vor allem von der vielen Arbeit, die bereits geleistet wurde - ohne unsere lokalen Eigenarten auch beim Einstieg ins Programmieren zu vernachlässigen.